Königlich

 "Verbannung!" Die kräftige Stimme meines Bruders hallte durch den gesamten Saal. Er war noch jung, erst 24 Jahre alt, jedoch besaß er sehr viel Anerkennung hier auf Metelin. Ich sah auf den Jungen, welcher starr auf den Boden schaute. Sein Leben würde sich verändern. Bis zu dem heutigen Tag hatte er bei uns im Dorf gewohnt. Ich kannte ihn. Sehr gut sogar. Mike, der Sohn des Beckers. 

Er hatte dunkle, lockige Haare. Seine hellblauen Augen wirkten dazu kontrastreich. Ich ließ meinen Blick weiter über sein heutiges Aussehen schweifen. Er trug eine weite, dunkelgrüne Hose und ein ebenso weites, weißes Hemd. Dies hatte er auch vor drei Tagen an. Seit diesem Tag saß er bei uns fest.

Nur 3 Stockwerke unter meinem Zimmer befinden sich die Zellen und er bekam eine von ihnen. Er hatte keine neue Kleidung bekommen. Lediglich waschen durfte er sich vor dieser Versammlung. Das wusste ich, da es immer so gemacht wurde. 

"Verräter haben es nicht verdient frische Kleidung zu bekommen", waren die Worte meines Bruders, als ich noch kleiner war. Mit der Zeit hatte ich aufgehört, seine Entscheidungen infrage zu stellen. Er wusste schon, was richtig für unser Land war.

Das Letzte was ich an ihm erkannte war der goldene Ring, der seinen Finger schmückte. Mit Stolz in seiner Stimme hatte er mir berichtet, dass er dieses Schmuckstück von seinem Vater bekommen hatte. Jeder aus seiner Familie besaß solch einen Ring. Ich wusste, dass er nicht wirklich teuer sein konnte, da seine Familie mit dem Lohn den man als Becker bekam, auskommen musste.

Doch ich wusste, dass der eigentliche Wert nicht in dem Preis lag, sondern in der Bedeutung die eine gewisse Sache mit sich brachte. Also hatte ich ihm lächelnd bei seiner Erzählung zugehört und ihm gesagt, wie schön dieser Ring sei.

Seine Mutter starb vor einigen Jahren. Also blieben noch er, sein Vater und seine kleine Schwester übrig. Nach dem heutigen Tage würde sein Vater sich um ein Kind weniger kümmern müssen. 

Mike würde es nicht zugeben, doch ich wusste, dass er nervös war. Sein Blick immer noch starr auf dem Boden gerichtet. Das tat er immer, wenn er nicht wusste, was er sonst machen sollte oder wo er hinschauen sollte. Das war ein Zeichen seiner Nervosität. Er würde sich jetzt liebend gerne durch seine Haare fahren. Diese Geste war ich bei ihm schon gewohnt. Doch dass konnte er jetzt nicht tun. Denn die eisernen Ketten, die seine beiden Hände zusammenhielten, verhinderten eine solche Bewegung.

Der Grund warum ich so viel über ihn wusste war einfach. Er war mein bester Freund. Zumindest war er das bis zu dem Ereignis vor drei Tagen. Denn nur wegen mir saß er hinter Gittern und wurde nun verbannt. Ich war mir nicht sicher, ob er noch mit mir befreundet sein wollte. 

Der Blick meines Bruders glitt zu mir. Er erwartete, dass ich widersprach. Das wollte ich auch. Liebend gerne wollte ich widersprechen, Mike befreien und für immer verschwinden. Er hatte es nicht verdient. Er schützte mich nur. Ich hielt den Blick meines Bruders stand. Das musste ich. Das wurde von mir erwartet. Nach einigen Sekunden wandte er sich wieder ab und schaute zu dem Jungen, der vor uns auf dem Boden kniete.

Im Inneren rang ich mit mir. Sollte ich ihm helfen? Sollte ich allen erzählen, dass nicht er für die Zerstörung in der Kirche verantwortlich war? Doch dann wäre mein Ruf zerstört. Die Bürger bewunderten mich. Die Mädchen bewunderten mich. Das sagten sie mir, wenn ich unten im Dorf unterwegs war. Ich konnte ihr Bild mir gegenüber nicht zerstören. 

Des Weiteren würde mein Bruder dann wahrscheinlich nie wieder ein Wort mit mir wechseln. Er wäre sauer auf mich. Stinksauer. Von einer Prinzessin erwartete man Ordnung und Disziplin und nicht die Vorliebe, Gedenkstätten zu zerstören. Doch dazu hatte ich einen Grund. Niemand würde ihn verstehen. Niemand außer Mike. Er verstand das, weshalb er mich auch beschützte und zuließ, dass sich sein Leben für mich änderte. 

Er hatte keinen Platz mehr, wo er hingehörte. Seit seiner Geburt lebte er hier. Hier war sein Platz. Bei seinem Vater, seiner Schwester und bei mir. Hier wurde er geliebt. Dort draußen hatte er doch niemanden. Niemanden der ihn beschützte. Er war erst dreizehn Jahre alt. So alt wie ich. Doch bei dieser Tat, die mein Bruder dachte, die er vollbracht hatte, kannte der König keine Gnade. Denn es war nicht irgendeine Gedenkstätte. Es war die unserer Eltern. Philipe war ausgerastet, als er gesehen hatte, was aus seiner mühevoll angerichteten Stelle geworden war. Ich stand neben ihm. Denn das Ergebnis wurde erst Stunden nach der Tat entdeckt. 

Zu dieser Zeit lag ich in meinem Bett und wurde aus dem Schlaf gerissen, als mein Bruder mit einmal in meinem Zimmer stand und mir befehligte, mich anzuziehen. Minuten später standen wir in der Kirche und schauten auf das Bild meiner Zerstörung. Mein Bruder zitterte vor Wut und ich stand unbeholfen einige Schritte hinter ihm.

Doch es fiel ihm nicht auf. Zu sehr war er damit beschäftigt gewesen, nicht alles zusammenzuschlagen. Er dachte, es lag am Schock, den ich verspürte, da das Einzige was uns von unserem Eltern geblieben war, nun vernichtet war. Philipe hatte eine Kette aus den Trümmern herausgezogen und sie mir mit den Worten "Du solltest sie tragen" gereicht. 

Ich trug sie auch. Weil ich es wollte und für meinen Bruder. Es machte ihn glücklich ein Teil meiner Mutter an mir zu sehen. Wenn man die Kette öffnete, erschien ein Bild auf dem meine Mutter und mein Vater zu sehen waren. Das Bild war einige Wochen vor dem Tod unserer Eltern entstanden.

Der einzige Grund, warum Mike dafür verantwortlich gemacht wurde, war der, dass er versucht hatte, das wieder einigermaßen in Ordnung zu bringen. Er hatte mich an diesem Ort gefunden. Tränenüberströmt in einer Ecke der Kirche. Er hatte mich nach Hause gebracht. Bis zu der Stelle, an der wir uns immer trennten. An der kleinen Holztür hinter mehreren Büschen. Diesen Weg benutzte ich immer, wenn ich mich nachts rausschlich. Hinter der Tür war ein Gang, den man folgen musste, um dann im Keller rauszukommen. 

Damit niemand diesen Weg fand, schob ich immer Kisten davor. Bisher hatte es auch funktioniert und niemand kam auf die Idee, dass es hinter diesen einfachen Holzkisten noch weiter ging. Danach war Mike zurückgegangen. Nur um mir zu helfen. Er hätte auch einfach in die andere Richtung zu seinem Haus gehen können, doch das tat er nicht.

Er blieb nicht unbeobachtet und so gab es mehrere Zeugenaussagen die besagten Mike am Ort des Verbrechens gesehen zu haben. Er hatte sich nicht mal versucht zu wehren. Ich sah, wie er von Wachen ins Schloss geschleppt wurde und das ohne Widerstand seinerseits. Ich stand in meinem Zimmer am Fenster und hatte es beobachtet. Ich hatte nichts unternommen. Mit Tränen in den Augen war ich ins Bett gegangen und tatsächlich eingeschlafen. 

"Hast du noch etwas zu sagen junger Mann?", drang die Stimme meines Bruders in meine Ohren. Er blickte zu ihm. Während ich in meinen Gedanken versunken war, hatte ich nur auf den pastellgelben Boden geschaut.

Philipe saß auf dem größten Thron, der mittig der kleinen Tribüne stand. Ich saß auf dem etwas Kleineren, welcher ungefähr einen Meter neben seinem stand. Sie sahen beide gleich aus, die Größe war der einzige Unterschied. Sie bestanden aus schwarzem Leder und goldenen Verzierungen am Rand. Ich liebte meinen Thron und würde ihn für nichts auf der Welt hergeben. 

Außer vielleicht um das Schicksal des Jungen vor mir zu retten. Philipe wartete auf die Antwort von Mike. Dieser hob nun langsam seinen Kopf. Seine hellblauen Augen, die ich so bewunderte trafen, jedoch nicht den Blick meines Bruders, sondern den meinen. Ich liebte seine Augen. Sie waren groß, besaßen dichte Wimpern und strahlten eine solche Wärme aus. 

Selbst in diesem Moment. In dem Moment, wo sein Schicksal besiegelt wurde und ich tatenlos danebensaß. Mike schüttelte den Kopf und blickte nun zum König. Philipe erhob sich langsam, um die entscheidenden Worte zu sagen. Doch das konnte er erst, wenn ich ebenfalls stand. Ich zögerte. Sollte ich widersprechen? Sollte ich wirklich meinen bisher so guten Ruf zerstören? Für einen Jungen? Mein Bruder schaute nach vorne. Er würde seinen Kopf nicht zu mir wenden, das wusste ich. Er verlangte es von mir. Das Prinzessinnensein verlangte es von mir.

Und so stand ich auf. Trat neben meinen Bruder und wartete auf seine Worte.

"Mike Sungson. Hiermit verbanne ich dich aus Metelin. Solltest du jemals wieder einen Fuß auf dieses Land setzten, wirst du mit dem Tode bestraft." Ich bemerkte, wie mein Körper leicht zitterte. Eine einzelne Träne suchte sich über meine Wange den Weg nach unten. Mike wurde von den Wachen auf die Beine gezogen und aus dem Saal geschafft. Ich würde ihn nie wieder sehen.

Ich hatte den wahrscheinlich lieblichsten Jungen auf der ganzen Welt verloren.

 

Emily, 15 Jahre